In aller Freundschaft: Thomas Rühmann findet seine Rolle unerträglich – ein Urgestein rechnet ab

In aller Freundschaft: Thomas Rühmann findet seine Rolle "unerträglich"

Seit mehr als einem Vierteljahrhundert steht Thomas Rühmann als Dr. Roland Heilmann vor der Kamera von In aller Freundschaft. Kaum eine Figur ist so eng mit der ARD-Erfolgsserie verbunden wie der Chefarzt der Sachsenklinik. Woche für Woche schalten rund fünf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer ein, um das Geschehen in Leipzig zu verfolgen. Neben Alexa Maria Surholt, Sarah Marquardt und Bernhard Bettermann gehört Rühmann zu den Gesichtern, die die Serie geprägt, getragen und über Jahrzehnte hinweg stabilisiert haben. Und doch überrascht der Schauspieler nun mit einer erstaunlich ehrlichen Abrechnung – ausgerechnet mit der Rolle, die ihn berühmt gemacht hat.

Denn Thomas Rühmann macht keinen Hehl daraus: Seine Begeisterung für Dr. Roland Heilmann hält sich in Grenzen. „Ich mag den nicht so“, sagt er offen. Ein Satz, der aufhorchen lässt, gerade weil Heilmann für viele Fans als moralischer Kompass, als erfahrener Arzt und als emotionales Zentrum der Serie gilt. Doch Rühmann sieht seine Serienfigur mit deutlich kritischeren Augen. Für ihn ist Heilmann „sehr durchschnittlich“, stur, überverantwortlich und jemand, der für alle anderen Lösungen sucht – während er selbst erschöpft nach Hause kommt.

Diese Einschätzung trifft den Kern der Figur. Dr. Heilmann ist kein strahlender Held, sondern ein Mann, der sich aufreibt. Einer, der Verantwortung trägt, Entscheidungen trifft und dabei oft die eigenen Bedürfnisse ignoriert. Genau das macht ihn für viele Zuschauer menschlich – für Rühmann hingegen manchmal kaum erträglich. „Ich würde mit ihm kein Bier trinken gehen“, sagt der Schauspieler und bringt damit auf den Punkt, wie groß die Distanz zwischen ihm und seiner Serienrolle tatsächlich ist.

Und doch liegt genau darin das Paradoxon, das In aller Freundschaft seit Jahren erfolgreich macht. Rühmann weiß selbst, dass Figuren nicht gefallen müssen, um zu funktionieren. Im Gegenteil. „Es ist ja das Geheimnis, dass man den Bösewicht am liebsten spielt“, erklärt er. Auch wenn Dr. Heilmann kein klassischer Antagonist ist, trägt er doch Eigenschaften in sich, die Reibung erzeugen. Widersprüche, Eigensinn, moralische Überlegenheit – all das sind Seiten, die anecken. Und genau diese Seiten, so Rühmann, spielten sich „am allerbesten“ in der Serie aus.

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Im Grunde, so gibt er zu, liebt er seine Figur dann doch. Aber eben nicht bedingungslos. Heilmann hat Eigenschaften, die selbst seinem Darsteller schwerfallen. Und genau diese Ambivalenz macht ihn so glaubwürdig. Ein Mann, der helfen will und dabei oft sich selbst verliert. Ein Arzt, der Stärke zeigt und gleichzeitig schwach ist. Für das Publikum ein vertrautes Gesicht – für den Schauspieler eine Herausforderung, die nie ganz bequem wird.

Dabei ist Thomas Rühmann privat ein völlig anderer Mensch. Während Heilmann in der Sachsenklinik zwischen Notfällen, Machtkämpfen und familiären Konflikten pendelt, hat sich Rühmann abseits des Fernsehens eine ganz eigene Welt geschaffen. Seit rund 25 Jahren betreibt er das „Theater am Rand“ in Zollbrücke im Oderbruch – ein Ort fernab des Serienrummels, geprägt von Kunst, Literatur und persönlicher Nähe. Dort arbeitet er mit Begeisterung an Theaterstoffen, steht auf der Bühne, experimentiert mit Texten und Formen.

Auch musikalisch ist Rühmann aktiv. Er singt, musiziert, sucht ständig nach neuen Inspirationen. Diese kreative Vielfalt steht in starkem Kontrast zu seiner Serienrolle, die für viele Zuschauer fast schon mit seiner Person verschmolzen ist. Dass er für In aller Freundschaft „nur“ in eine Rolle schlüpft, ist längst nicht allen Fans bewusst. Für manche ist Thomas Rühmann gleich Dr. Heilmann – eine Gleichsetzung, die Fluch und Segen zugleich ist.

In aller Freundschaft: Thomas Rühmann über seine Rolle als "IaF"-Arzt  Roland Heilmann - "Ich find' ihn manchmal unmöglich!"

Doch selbst daraus zieht der Schauspieler etwas Positives. Mit sichtbarer Freude erzählt er von einem Erlebnis aus einem Onlineforum. Dort schrieb jemand: „Thomas Rühmann ist der mieseste Schauspieler Deutschlands.“ Eine harte Kritik – doch die Antwort eines anderen Nutzers machte alles wett: „Ja, das stimmt, der spielt gar nicht.“ Für Rühmann ist das das größte Kompliment überhaupt. Denn es bedeutet, dass das Spiel nicht als Spiel wahrgenommen wird, sondern als Natur. Dass die Figur so echt wirkt, dass man den Schauspieler dahinter vergisst.

Gerade bei Dr. Heilmann ist diese Natürlichkeit entscheidend. Seine Widersprüchlichkeit, seine Ecken und Kanten, seine manchmal unerträglichen Seiten – all das gehört zu seiner „Natur“. Und genau das sorgt dafür, dass In aller Freundschaft auch nach über 25 Jahren nicht langweilig wird. Für Rühmann ist das eine große Kunst: Figuren zu erschaffen, die nicht glatt sind, die Fehler haben und dennoch tragen.

Trotz dieses Erfolgs blickt der Schauspieler jedoch nicht unkritisch in die Zukunft. Auch wenn die Serie regelmäßig hohe Einschaltquoten erzielt und fest im ARD-Programm verankert ist, zeigt sich Rühmann nachdenklich. Ob weitere 1000 Folgen realistisch seien, wagt er zu bezweifeln. Zu unsicher sei die Lage des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, zu groß die strukturellen Veränderungen, zu ungewiss die langfristige Planung. „So weit kann man, glaube ich, nicht vorwegschauen“, sagt er offen.

Diese Aussage wirkt wie ein leiser Zweifel inmitten einer Erfolgsgeschichte. Sie zeigt, dass selbst ein Urgestein wie Thomas Rühmann die Entwicklungen im Fernsehgeschäft aufmerksam verfolgt – und nicht davon ausgeht, dass Bewährtes automatisch Bestand hat. Gleichzeitig schwingt darin aber auch Gelassenheit mit. Rühmann hat sich längst ein zweites Standbein aufgebaut, jenseits der Sachsenklinik, jenseits von Quoten und Sendeplätzen.

Für In aller Freundschaft ist seine Figur dennoch unverzichtbar. Dr. Roland Heilmann ist ein Anker, eine Konstante, ein Spiegel für Konflikte und Entwicklungen innerhalb der Serie. Dass sein Darsteller ihn kritisch sieht, macht diese Figur nicht schwächer – im Gegenteil. Es verleiht ihr Tiefe. Denn nur wer eine Rolle nicht verklärt, sondern hinterfragt, kann sie über Jahrzehnte lebendig halten.

Am Ende zeigt diese ehrliche Abrechnung vor allem eines: Thomas Rühmann nimmt seine Arbeit ernst. Er ruht sich nicht auf Popularität aus, sondern reflektiert, zweifelt, analysiert. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Dr. Heilmann trotz aller unerträglichen Seiten so glaubwürdig bleibt. Und warum In aller Freundschaft auch nach über 25 Jahren noch immer ein fester Bestandteil des deutschen Fernsehens ist – getragen von Figuren, die nicht perfekt sind, und Schauspielern, die den Mut haben, das offen zu sagen.