„Die Rosenheim-Cops: Blattschuss“ (Staffel 2, Folge 12) – Wenn der Tod keine Stunde kennt
Mit „Blattschuss“ liefern Die Rosenheim-Cops eine Episode, die ihre Spannung nicht aus Action, sondern aus psychologischer Präzision bezieht. Der Fall beginnt unscheinbar, beinahe routiniert – und entwickelt sich Schritt für Schritt zu einem bitteren Drama über Verrat, gekränkten Stolz und tödliche Konsequenzen. Es ist eine Folge, die beweist, dass der gefährlichste Schuss oft nicht aus dem Hinterhalt kommt, sondern aus dem engsten Umfeld.
Ein Mord im Morgengrauen
Der Tod kennt keine Uhrzeit – diese bittere Wahrheit bestätigt sich früh am Morgen, als ein Mann am Geldautomaten erschossen wird. Ein einzelner, präziser Schuss mitten ins Herz. Kein Kampf, kein Chaos, kein Zufall. Alles deutet zunächst auf einen professionellen Täter hin. Die Ermittler stoßen schnell auf Parallelen zu vorherigen Überfällen auf Geldautomaten: Zeugen berichten von einer schwarzen Motorradkluft, in manchen Fällen sogar von einem roten Motorrad japanischer Bauart. Der Verdacht eines Serientäters liegt nahe.
Doch schon bald zeigt sich: Dieser Fall passt nicht ganz ins Muster.
Das Opfer: geachtet, aber nicht geliebt
Beim Opfer handelt es sich um Professor Dr. Stefan Meindl, einen angesehenen Chefarzt im Rosenheimer Krankenhaus. Nach außen respektiert, erfolgreich, integer. Doch hinter der Fassade offenbaren sich Spannungen, Konflikte und stille Feindschaften. Aussagen aus dem Kollegenkreis klingen höflich, aber kühl. Beliebt war Meindl – wirklich geliebt offenbar nicht.
Gerade diese Distanz macht die Ermittlungen schwierig. Denn wo viele Motive verborgen bleiben, wächst die Zahl der Verdächtigen.
Ein falscher Weg: der Serienräuber
Zunächst verfolgen Hofer und sein Team konsequent die Spur des mutmaßlichen Geldautomatenräubers. Doch diese Theorie bricht abrupt zusammen, als der Täter in München gefasst wird – vor dem Mord an Meindl. Der vermeintliche Serientäter scheidet aus, der gesamte Fall fällt in sich zusammen. Die Ermittler stehen wieder am Anfang.
Was bleibt, ist die Frage:
Warum war Meindl morgens um halb sechs am Automaten?
Und wer wusste davon?
Dr. Breuer: Ehrgeiz mit dunklem Schatten
Der Fokus richtet sich auf Dr. Andreas Breuer, Stationsarzt im Krankenhaus und ehemaliger enger Mitarbeiter des Opfers. Breuer ist ehrgeizig, angespannt, innerlich zerrissen. Er wurde kurz vor dem Mord von Meindl gekündigt – offiziell wegen beruflicher Differenzen, inoffiziell wegen Verdachts auf unethisches Verhalten und möglicher Verbindungen zu einer Pharmafirma.
Ein Zeuge will Breuer in der Mordnacht vor Meindls Haus auf einem Motorrad gesehen haben. Zudem passen Motorradkleidung, Helm und sein auffälliges Verhalten ins Bild. Der Verdacht erhärtet sich, Breuer wird festgenommen. Doch trotz Indizien bleibt etwas unstimmig. Seine Wut ist echt – aber reicht sie für Mord?
Hofer unter Schmerzen – und unter Druck
Parallel dazu kämpft Korbinian Hofer mit den Nachwirkungen vergangener Einsätze. Körperlich angeschlagen, innerlich überlastet, aber wie immer unbeirrbar. Sein Instinkt sagt ihm, dass der Fall zu einfach erscheint. Dass hier jemand bewusst falsche Spuren gelegt hat.
Während andere sich auf Dr. Breuer fixieren, beginnt Hofer, tiefer zu graben – in den finanziellen Verhältnissen des Opfers, in privaten Details, die bislang niemand hinterfragt hat.
Die Ehefrau: eine Witwe ohne Tränen
Im Zentrum der neuen Ermittlungen steht zunehmend Frau Meindl. Äußerlich gefasst, kontrolliert, fast kühl. Sie beteuert, ihr Mann habe sie nie betrogen, die Ehe sei stabil gewesen. Doch kleine Widersprüche häufen sich. Aussagen passen nicht zusammen, Zeitangaben schwanken.
Dann die entscheidende Entdeckung:
Meindl war hoch verschuldet. Fehlgeschlagene Spekulationen hatten das Familienvermögen nahezu vernichtet. Was blieb, war eine hohe Lebensversicherung – zugunsten der Ehefrau.
Plötzlich bekommt der Mord ein ganz neues Gewicht.
Der wahre Blattschuss
Das ballistische Gutachten bringt schließlich die Wahrheit ans Licht. Die Tatmunition stammt nicht aus einer gängigen Serie, sondern aus dem Bereich des Sportschießens. Und genau hier schließt sich der Kreis: Frau Meindl besitzt einen Waffenschein.
Die Motorradkleidung? Absichtlich platziert.
Der Serienräuber? Ein bewusst gelegter Köder.
Der angebliche Täter? Ein perfektes Ablenkungsmanöver.
Am Ende bricht die Fassade. Frau Meindl gesteht. Nicht aus Reue, sondern aus Überzeugung. Ihr Mann habe sie betrogen, ihr Erbe verspielt, ihre Zukunft zerstört. Der Mord sei kein Affekt gewesen – sondern eine Entscheidung. Der Schuss präzise, geplant, endgültig. Ein klassischer Blattschuss.
Fazit: Kälte statt Kugelhagel
„Blattschuss“ ist eine der stärksten Episoden der zweiten Staffel. Sie verzichtet auf laute Effekte und setzt stattdessen auf psychologische Spannung, stille Eskalation und ein bitteres Motiv. Der Täter kommt nicht von außen, sondern aus dem Innersten des privaten Lebens.
Die Folge zeigt eindrucksvoll, dass wahre Gewalt nicht immer aus Wut entsteht – sondern oft aus Enttäuschung, Berechnung und dem Gefühl, im Recht zu sein.
Ein Krimi, der trifft.
Leise.
Und tödlich genau.
