In aller Freundschaft: Serien-Urgestein Thomas Rühmann schämte sich früher für seine Familie – „Bin dann ein Stück weggegangen“

 

Seit über einem Vierteljahrhundert ist er das emotionale Rückgrat von In aller Freundschaft. Dr. Roland Heilmann, gespielt von Thomas Rühmann, gehört seit der allerersten Folge zur Sachsenklinik – und damit zu den bekanntesten und beliebtesten Figuren der deutschen Fernsehgeschichte. Doch hinter der souveränen, warmherzigen Arztrolle verbirgt sich eine Lebensgeschichte, die von Selbstzweifeln, Scham, Wachstum und später tiefer Dankbarkeit geprägt ist.

Im MDR-Format Riverboat gewährte der heute 69-jährige Schauspieler nun überraschend offene Einblicke in seine Kindheit – und sprach über ein Kapitel seines Lebens, auf das er lange Zeit nicht stolz war: seine eigene Familie.


Aufgewachsen in einer XXL-Familie

Thomas Rühmann wuchs mit fünf Schwestern und einem Bruder auf – eine Großfamilie, wie sie heute kaum noch vorstellbar ist. „Wir waren eine echte Großfamilie“, erzählte er Moderatorin Kim Fischer. Was zunächst idyllisch klingt, war im Alltag vor allem eins: laut, voll, lebendig – und manchmal schlicht überwältigend.

Besonders deutlich wurde das bei den Mahlzeiten. Wenn alle am Tisch saßen, verschwanden täglich bis zu zweieinhalb Pfund Brot, also rund 1,5 Kilogramm. „Es wurde einfach viel gegessen“, erinnerte sich Rühmann lachend. Eine Anekdote, die für Heiterkeit im Studio sorgte – doch hinter den humorvollen Erinnerungen verbirgt sich auch eine andere Wahrheit.


Scham in der Pubertät: „Ich bin dann ein Stück weggegangen“

Denn so fröhlich und liebevoll das Familienleben rückblickend erscheint, so schwer fiel es dem jungen Thomas, damit nach außen umzugehen. Besonders in der sensiblen Phase der Pubertät war die große Familie für ihn kein Grund zum Stolz – sondern zur Scham.

„Mit 14, 15 Jahren habe ich mich so sehr dafür geschämt, dass wir so viele waren“, gestand der Schauspieler offen. Bei gemeinsamen Spaziergängen lief er bewusst ein paar Meter hinter den anderen her. „Ich bin dann ein Stück weggegangen, an der Straßenbahnhaltestelle“, erzählte er – ein Satz, der hängen bleibt.

Es ist ein Moment, den viele Zuschauer nachvollziehen können: das Bedürfnis, dazuzugehören, normal zu sein, nicht aufzufallen. Für den Teenager Thomas Rühmann war seine Familie zu groß, zu sichtbar, zu anders.


Die Erkenntnis kam spät – aber tief

Heute blickt Rühmann mit ganz anderen Augen auf diese Zeit zurück. Die Scham ist verschwunden, ersetzt durch Dankbarkeit und Demut. Besonders nach dem Tod seiner Eltern habe er erkannt, was für ein außergewöhnliches Fundament sie ihm mitgegeben hatten.

„Da war einfach ganz viel Liebe in dieser Familie“, sagte er sichtlich bewegt. Eine Liebe, die er als Jugendlicher nicht sehen konnte – die ihn aber ein Leben lang getragen hat. Es ist eine Erkenntnis, die erst mit Abstand, Reife und Verlust möglich wurde.

Diese biografische Tiefe erklärt vielleicht auch, warum Thomas Rühmann seine Rolle als Dr. Heilmann über Jahrzehnte hinweg mit so viel Menschlichkeit füllt. Seine Figur ist kein perfekter Arzt, sondern ein fühlender, zweifelnder, liebender Mensch – genau wie er selbst.


Serienliebe, die fast Wirklichkeit wurde

Auch über seine Karriere bei In aller Freundschaft sprach Rühmann – und dabei kam es zu einer charmanten Anekdote, die Fans besonders aufhorchen ließ. Im Gepäck hatte er seine Kollegin Miriam Agisheva, die seit rund zehn Jahren im Spin-off In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte als Dr. Karin Patzelt zu sehen ist.

Zwischen ihren Rollen knisterte es auf dem Bildschirm – so sehr, dass es beinahe zu einer echten Serienromanze gekommen wäre. „Ich war bereit – du bist ausgewichen“, scherzte Rühmann im Riverboat über einen Beinahe-Kuss. Doch am Ende entschieden die Verantwortlichen offenbar anders: Die Zuschauer sollten die beiden doch nicht als Paar sehen.

Für Fans blieb es bei der Ahnung, dem unausgesprochenen „Was wäre wenn?“ – ein klassischer In aller Freundschaft-Moment, der zeigt, wie stark selbst kleine Szenen emotional aufgeladen sein können.


Kultstatus ohne Allüren

Trotz seines enormen Bekanntheitsgrades ist Thomas Rühmann bodenständig geblieben. Dass er auf der Straße regelmäßig erkannt wird, nimmt er mit Humor. Kurios: Um medizinischen Rat sei er privat noch nie gebeten worden – obwohl er seit Jahrzehnten den wohl bekanntesten Serienarzt Deutschlands spielt.

„Ich finde, die sind nicht blöd“, kommentierte er trocken – und erntete dafür den nächsten Lacher. Ein Satz, der viel über seine Selbstironie und Gelassenheit verrät.


Ein Schauspieler, der geblieben ist

Was Thomas Rühmann von vielen anderen TV-Stars unterscheidet, ist seine Beständigkeit. Seit über 26 Jahren verkörpert er dieselbe Rolle – und hat sie gemeinsam mit dem Publikum altern lassen. Dr. Roland Heilmann ist nicht stehen geblieben, sondern hat sich verändert, geliebt, gestritten, gelitten. Genau wie sein Darsteller.

Vielleicht liegt das Geheimnis seines Erfolgs genau darin: in der Fähigkeit, die eigenen Brüche anzunehmen. Die Scham der Jugend, die Erkenntnisse des Alters, die Liebe zur Familie – all das fließt unmerklich in sein Spiel ein.


Vom Weggehen zum Ankommen

Die Geschichte von Thomas Rühmann ist keine laute, keine skandalöse. Sie ist leise, ehrlich und berührend. Ein Junge, der sich für seine Familie schämte und Abstand suchte. Ein Mann, der Jahrzehnte später erkennt, dass genau diese Familie sein größter Reichtum war.

Heute geht er nicht mehr ein Stück weg.
Heute steht er mitten drin – auf der Bühne, im Studio, im Leben.
Und genau deshalb bleibt er für viele Fans das Herz von In aller Freundschaft. ❤️